Von Lea Moliterni, Verantwortliche Nachlass, Philanthropie und Historisches, SRK Kanton Zürich
Plötzlich geht es schnell. Am Vorabend erhalte ich die Bestätigung, dass mich Frau Aellig morgens um 10 Uhr in ihrer Wohnung in Bern erwarte. Ich reise dorthin, wo sie – abgesehen von ihren Auslandsaufenthalten – beinahe ein ganzes Jahrhundert gewohnt hat. Denn Elsi Aellig ist 1929 geboren. Und eine Figur, die ich nur aus den Geschichtsbüchern und Archivbesuchen für meinen Dokumentarfilm «Halt im Paradies – Erinnerungen von Rotkreuz-Zugkindern» her kenne. Und noch etwas zeichnet sie aus: Sie widmete ihr ganzes Berufsleben demselben Dienst: der humanitären Hilfe des Roten Kreuzes. Doch dazu später.
Ein Lächeln und ein stupendes Gedächtnis
Aufgeregt läute ich neben der Tür. Eine knapp zweistündige Reise liegt hinter mir. Hunderte von Fragen im Gepäck bringe ich – nebst Pralinés – mit. Endlich darf ich derjenigen Frau begegnen, die ab 1947 verantwortlich war, dass Zehntausende Kinder, die nur eines kannten – eine Kindheit im Krieg – in die Schweiz zur Erholung reisen durften. Unter Elsi Aelligs Leitung wurden die sogenannten Rotkreuz-Kinderzüge organisiert. Zudem galt es, für jedes kriegsgeschwächte Kind eine Gastfamilie zu finden, die es während drei Monaten aufnahm. Insgesamt reisten über 180 000 Kinder aus sechs Ländern in die Schweiz.
Die Tür wird mir von ihrer langjährigen Assistentin geöffnet, die selbst schon etliche Jahre pensioniert ist. Und da sitzt sie. Strahlt mich an, zupft ihren himbeerfarbenen Pullover zurecht, winkt mich energisch zu sich und sagt gleichzeitig «Chömed nume iche». Ich realisiere sofort: Diese Frau ist voller Lebensenergie. Gerührt schlucke ich einen Kloss runter und setze mich neben sie – dorthin, wo ihre schlanken Finger mit Ungeduld klopfen. «Dir sitt auso die Historikere » und lächelt mich schelmisch an. Dann beginnen wir zu reden. Und hören erst zwei Stunden später wieder auf. Elsi – die mir nach wenigen Minuten das Du anbietet – hat ein stupendes Gedächtnis. Als Historikerin bin ich geübt zu erkennen, ab welchem Moment im Gespräch eine zusammengesetzte Vergangenheit die Erinnerung formt. Zusammengesetzt sind Erinnerungen aus Überlieferungen, Gedächtnislücken, Sehnsüchten oder – um Professor Lutz Jäncke zu zitieren: «Erinnerungen sind unsere subjektiven Wahrheiten.»
Nicht so bei Elsi Aellig. Mit einer Präzision, die einem Schweizer Zugfahrplan ähnelt, berichtet sie von der Logistik, um Abertausende von Kindern mit Sonderzügen hierher zu bringen. Berichtet detailliert, mit welchen Aufhängevorrichtungen im Küchenwagen die Suppenkessel auf dem frei stehenden Kochherd fixiert oder wo die Wolldecken für die Nachtfahrt verstaut worden waren. Es sprudelt aus ihr heraus, wie wenn diese Erlebnisse nicht knapp 80 Jahre zuvor, sondern eben erst geschehen wären.
Bisweilen habe ich den Eindruck, mitten in der Nachkriegszeit gelandet zu sein. Besonders dann, wenn sie berichtet, wie sie als sogenannte «Convoyeuse» die Kinderzüge begleitete. So 1948 nach Hamburg oder 1949 nach Berlin während der Blockade. Sie erlebte als knapp 20-Jährige, wie amerikanische Truppen die Berliner Bevölkerung in den besetzten Gebieten aus der Luft mit Nahrungsmitteln versorgten. Mulmig wird selbst mir als Historikerin, wenn sie berichtet, an welchen Stationen die russischen Besatzungsgruppen jeweils die Loks abhängten. Es jedes Mal zu einer Zitterpartie wurde, ob die Züge mit den acht Waggons und den 500 Kindern die russische Zone passieren konnten.