Eine SPIRIT-Teilnehmerin verfasste diesen Text, den wir hier mit ihrem Einverständnis anonym publizieren.
Wieder einmal weine ich in mein Kissen, solange niemand mich sieht und niemand mich hört.
In meinem Kopf höre ich die Worte meiner Mutter:
«Du bist stark. Du schaffst das.»
Natürlich schaffe ich das. Ich bin doch stark. Ich bin in der Schweiz. Hier bin ich in Sicherheit. Nicht so wie zu Hause.
Ich komme aus Wolnowacha, einer kleinen Stadt zwischen Donezk und Mariupol im Osten der Ukraine. Dort leben noch immer meine Eltern, meine Schwester mit ihrer Familie und viele Menschen, die mir am Herzen liegen. Heute steht meine Heimatstadt unter russischer Besatzung. Dort gibt es noch immer Krieg. Dort ist es noch immer gefährlich.
Und ich bin hier. In Sicherheit. Deshalb lächle ich meiner Mutter am Telefon zu und sage, dass es mir gut geht. Dass die Schweiz wunderschön ist. Dass die Menschen freundlich sind. Dass ich Arbeit habe und sie sich keine Sorgen um mich machen muss.
Aber die Wahrheit sah anders aus.
Ich hatte immer wieder Blutungen. Ich wurde schwächer, erschöpfter und emotional unausgeglichen. Es fiel mir schwer, mich zu konzentrieren. Selbst das Lernen der deutschen Sprache wurde zu einer Herausforderung.
Dabei brauche ich das Deutsch-Niveau C1, um mein Lehrdiplom anerkennen zu lassen und meinen Beruf hier weiter ausüben zu können. Ohne dieses Niveau würde ich wahrscheinlich für lange Zeit nur als Schulassistentin arbeiten können. Ich arbeitete viel, aber oft hatte ich das Gefühl, dass meine Kräfte nicht mehr ausreichten.
Immer wieder erschien auf meinem Handy Werbung für psychologische Unterstützung des Schweizerischen Roten Kreuzes. Zuerst schenkte ich dieser keine Beachtung. Dann dachte ich: Wahrscheinlich erkennt der Algorithmus einfach, dass ich aus der Ukraine komme. Eines Tages blieb mein Blick an einem Satz hängen.