«Meet'n'Speak»

Mit offenem Herzen

22 Jahre Freiwilligenarbeit beim SRK Kanton Zürich: Heute, mit über 85 Jahren, blickt Schwester Elsbeth zurück auf eine Zeit voller Begegnungen, Entdeckungen und tiefer Menschlichkeit.
Eine Freiwillige und Teilnehmerin von Meet'n'Speak stehen auf einer Dachterrasse mit Blick auf Zürich

Schon in den 1970er-Jahren, zur Zeit der Schwarzenbach-Initiative, war für Schwester Elsbeth klar: «Man kann nicht einfach Arbeitende aus dem Ausland herholen und sie dann sich selbst überlassen. Das sind Menschen, die hier leben, arbeiten und zur Gesellschaft beitragen werden. Es ist nur gerecht, wenn wir ihnen beim Einleben helfen und ihnen eine faire Chance geben.»

Ein Leben für Gerechtigkeit und Begegnung

In jungen Jahren arbeitete Schwester Elsbeth in Lausanne mit portugiesischen und spanischen Migrantinnen und Migranten, die Deutsch lernen wollten. Später war sie als Abteilungsleiterin in einem Altersheim tätig und bildete junge Au-Pair-Mädchen als Pflegehelferinnen aus. Ihr Gerechtigkeitssinn und ihre Freude an der Arbeit mit jungen Menschen begleiteten sie ein Leben lang. Nach ihrer Zeit in der Pflege übernahm sie als Diakonisse unter anderem den Aufbau des Freiwilligenmanagements in der Diakonie Bethanien. 

Als sie in Pension ging, entdeckte sie eine Ausschreibung des SRK Kanton Zürich. «Das wäre etwas, das mir Freude bereiten könnte», dachte sie. Besonders beeindruckt war sie von der schnellen und konkreten Arbeitsweise des Roten Kreuzes – anders als die langen Wege in kirchlichen Strukturen. Sie entschied sich bewusst, sich ausserhalb der Kirche freiwillig zu engagieren.

Jasmine – eine besondere Verbindung

Etwa sechs Jahre lang engagierte sich Schwester Elsbeth beim damaligen Projekt «mitten unter uns», das heute «Meet’n’Speak» heisst. Dabei hat sie nicht nur anderen geholfen, sondern auch selbst viel gelernt. Ihr wurde Jasmine zugeteilt, ein junges Mädchen aus einer Familie mit indischen Wurzeln. Jasmine war wissbegierig, sprach bereits drei Sprachen und integrierte sich schnell. Die Familie arbeitete im Pflegebereich und setzte alles daran, ihren Kindern einen guten Start in der Schweiz zu ermöglichen. «Jasmine wurde damals in der ersten oder zweiten Klasse eingeschult. Ich wusste doch selbst nicht viel über Grammatik – und jetzt sollte ich sie dabei unterstützen, Deutsch zu lernen», erzählt Schwester Elsbeth lachend. «Aber ich konnte lesen und schreiben und wir haben gemeinsam Zürich entdeckt.»

«Man muss den Menschen eine Chance geben, unabhängig von seinem eigenen Weltbild.»
Schwester Elsbeth, 22 Jahre Freiwillige beim SRK Kanton Zürich

Das Ziel des Integrationsangebots ist es, dass Kinder und Jugendliche die Sprache spielerisch im Alltag anwenden können. Jeden Mittwoch trafen sie sich, färbten Ostereier, buken Kuchen, lasen Kinderbücher und erkundeten die Stadt. «Ohne Jasmine hätte ich niemals so viel von Zürich gesehen. Ich war auch erst frisch zugezogen und so konnten wir gemeinsam die Stadt entdecken. Das hat nichts gekostet – nur Zeit und Herz.»

Lernen im Alltag

Manchmal unternahmen sie grössere Ausflüge. Dank ihres Generalabonnements konnte Schwester Elsbeth einmal im Jahr eine Mitfahrkarte organisieren. Eine der weitesten Reisen führte über den Berninapass, wo Jasmine zum ersten Mal einen Gletscher sah. «Sie hatte in der Schule davon gehört und jetzt stand sie davor. Ihr Staunen war unvergesslich.» Ein anderes Mal fuhren sie über Montreux nach Genf. «Ich wollte ihr die Rebberge und die Seen zeigen – aber sie war auf der Heimfahrt so müde, dass ihr die Augen zufielen», erinnert sich Schwester Elsbeth schmunzelnd.

Meistens blieben sie jedoch in Zürich, spazierten durch die Altstadt, betrachteten die Giebel oder liefen dem See entlang. «Wer sieht sich denn heute noch die Giebel an? Aber Jasmine war so neugierig und dankbar. Ich wollte, dass sie lernt und so viel wie möglich mitnimmt.» Schwester Elsbeth achtete darauf, dass Jasmine auch praktische Dinge lernte – etwa, wie man ein Billett am Automaten kauft. «Das war mir ganz wichtig. Ich wollte, dass sie alles lernen kann, was ich ihr beibringen konnte.» Die Beziehung ging weit über das Tandemprojekt hinaus. Schwester Elsbeth besuchte Jasmines Familie, lernte deren Kultur und Glaubensrichtung kennen. «Ich habe nie versucht, ihr meinen Glauben aufzudrängen; ganz im Gegenteil, ich fand das richtig spannend. Man muss den Menschen eine Chance geben, unabhängig von seinem eigenen Weltbild.»

Gut begleitet und getragen

Die regelmässigen Austauschtreffen mit den Freiwilligen des Projekts waren für sie sehr hilfreich. «Ich hatte immer viel zu tun, aber dafür nahm ich mir immer Zeit. Man muss auch in der Pension seine Prioritäten setzen.» In den Austauschgruppen hörte sie von anderen Tandems, dass es manchmal auch schwierig sei – Kinder, die zum Beispiel nicht motiviert waren oder sich verspäteten. «Aber Jasmine war anders: interessiert, offen, zuverlässig – und auch die Eltern unterstützten uns aktiv.»

Wenn man will, mit Hand und Fuss und einem offenen Herzen, ist sehr viel möglich.
Schwester Elsbeth

Als Jasmine älter geworden war, hätte Schwester Elsbeth ein neues Tandem übernehmen können, doch sie spürte, dass sie das nicht mehr leisten konnte. «Ausserdem wollte ich die schönen Erinnerungen nicht verwässern.» Stattdessen half sie über viele Jahre beim Einpacken von grossen Versänden mit, beispielsweise dem Versand für die Mitgliederversammlung. Trotz zwei Rückenoperationen fuhr sie mit dem Bus zur Geschäftsstelle des Zürcher Roten Kreuzes. Mit 85 hörte sie offiziell auf – aber nicht ganz: «Bei einem Artikel mitzuwirken, das gefällt mir. So kann ich immer noch etwas beitragen.»

Was bleibt

Jasmine arbeitet heute als IT-Spezialistin und ist verheiratet. Der Kontakt sei weniger geworden, aber das sei der Lauf der Zeit und auch völlig in Ordnung so. «Anfangs, als Jasmine noch nicht so gut Deutsch sprach, war es nicht immer einfach. Aber wenn man will, mit Hand und Fuss und einem offenen Herzen, ist sehr viel möglich», erzählt Schwester  Elsbeth. Für sie war die Freiwilligenarbeit eine Bereicherung und eine Schule fürs Leben. 

Neuen Freiwilligen möchte Schwester Elsbeth mitgeben: «Man muss mit offenem Herzen kommen, nicht mit vorgefertigten Bildern im Kopf. Wer sich freiwillig engagieren möchte, sollte neugierig sein, bereit sein zu lernen und offen für andere Lebenswelten sein, dann kann die Freiwilligenarbeit eine richtige Bereicherung für alle Beteiligten werden.»

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